Deep Web: In den dunklen Ecken des Internets
21.06.2014 | 16:47 | von Elisabeth Hödl und
Martin Zechner (Die Presse)
Das Internet ist weitaus mehr, als der Nutzer
annimmt. Vieles in der digitalen Welt spielt sich unter
der Oberfläche
ab. Dort bietet sich ein Umschlagplatz für Drogen,
Waffen und falsche Pässe. Eine Reise in das verborgene
Netz.
In den Tiefen des Internets gibt es versteckte Ecken und
Gassen, da schlagen sich jene durch den Info-Highway, die
abseits digitaler Sichtbarkeit agieren. Eine der wichtigsten
Adressen dieser Unsichtbarkeit ist die Domain kpvz7ki2v5agwt35.onion.
Dahinter verbirgt sich die Seite des Hidden Wiki, einer
Linkliste, die überhaupt erst eine Orientierung im
Deep Web bietet. User dieses Netzes sind Menschen und Gruppen,
die anonym bleiben wollen. Aber warum? Sind es politisch
Verfolgte, Kriminelle oder einfach nur Leute, die sich
jener systematischen Durchleuchtung entziehen wollen, wie
sie im Zuge des NSA-Skandals offenkundig wurde?
Das unsichtbare Web soll bis zu 550-mal größer
sein als das sichtbare, das visible Net. Eine genaue Schätzung
gibt es nicht. Der Programmierer Mike Bergman, von dem
der Begriff Deep Web stammt, sagte: „Die Weiten des
tiefen Netzes raubten mir völlig den Atem. Wir machten
uns weiter daran, Steine umzudrehen und Dinge zu entdecken.“ Doch
wovon ist die Rede? Wie genau gelangt man dorthin? Wir
beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen und
eine Reise in das mysteriöse Deep Web anzutreten.
Das Zwiebelprinzip. Den Zugang zum Deep Web ermöglicht
ein spezieller Browser, der sich Tor (The Onion Router)
nennt. Onion wie Zwiebel, denn genauso vielschichtig wie
bei Zwiebelhäuten läuft die Datenübertragung
ab. Die Information wird anonym und verschlüsselt über
verschiedene Server geschickt. Am Ende ist alles wieder
in Klartext lesbar. Zunächst für Journalisten
und Organisationen gedacht, die von Zensur bedroht waren,
wird Tor heute von Leuten genutzt, die anonym bleiben wollen.
Wer mit Tor surft, verwischt Surfspuren. Tor gibt es für
Windows und Apple. Das Torpaket ist kostenlos und leicht
zu installieren.
Aber was nun? Keine Suchmaschine, die bei der Navigation
hilft. Was immer wir jetzt tun, wir müssen es ohne
Reiseleitung schaffen. Das ist der Preis für die Anonymität.
Genauso wie die Geschwindigkeit, denn surfen mit Tor dauert
spürbar länger.
Um sich im Deep Web des Tornetzwerks bewegen zu können,
braucht man Adressen. Diese bestehen aus langen Zahlen-
und Buchstabenkombinationen. Eine Möglichkeit zur
Orientierung ist dabei das Hidden Wiki, eine manuell gepflegte
Linkliste. Was auffällt, ist die Adressierung. Keine
Topleveldomains, bei der die letzte Stelle das Land verrät
oder einen generischen Hinweis gibt, wie etwa org. für
Organisation. Die Eingabe eines von uns zufällig gewählten
Links in den Torbrowser führt uns rasch in dunkle
Ecken des Netzes. Wir betreten das Dark Web, den Umschlagplatz
für Drogen, Waffen und falsche Pässe.
Kriminalität unter der Oberfläche. Die Angebote
des Dark Web sind breit. Hier tauscht man sich über
Kannibalismus genauso aus wie über sexuelle Abartigkeiten.
Die Portale und Märkte sind zahllos. Sie tragen kryptische
Namen wie Hydra Market, RAMP, Dark Bay oder Hard Candy.
Bekommt man hier, was immer man will? Die Angebote, die
uns ins Auge springen, sind unterschiedlichster Natur:
Hackerdienste, Waffen, Sex. Die gesamte Bandbreite menschlicher
Phantasien, auch der dunkelsten.
Wir lassen uns weiter treiben, wissen zunächst nicht,
welcher der unzähligen Spuren wir folgen sollen, um
zu begreifen, womit wir es hier zu tun haben. Die Sprachen
variieren, Spanisch, Englisch, Russisch. Kinderpornografie,
Experimente mit Menschen, geheime Forschungsergebnisse.
Auch ein Link zur Silk Road findet sich, jener vielleicht
bekannteste illegale Marktplatz für Drogen im Dark
Web. Dieser Link führt heute ins Leere, denn der Marktplatz
wurde nach der Verhaftung des Silk-Road-Gründers Jan
Ulbricht im Oktober 2013 geschlossen. Von Jänner 2011
bis zur Festnahme Ulbrichts sollen hunderte Millionen Dollar
umgesetzt worden sein. Drogen zu kaufen ist allerdings
trotzdem kein großes Problem, 0,25 g Heroin kosten
0,155 Bitcoins (100 Dollar).
Von Waffen bis zu Kennedys FBI-Akte.
tuu66vrbb30f7.onion führt auf einen kleinen Markt,
der sich Out Law Market nennt. Er erfreut sich offensichtlich
großer Beliebtheit. Denn innerhalb der letzten 24
Stunden gab es 9083 Zugriffe, aktiv wurden 595 unterschiedliche
Produkte angeboten. Bezahlt wird mit der Kryptowährung
Bitcoin. Es handelt sich um ein virtuelles Tauschsystem,
die Übertragung der Beträge erfolgt direkt von
Teilnehmer zu Teilnehmer (Peer-to-Peer). Jede Transaktion
ist für alle Teilnehmer des Netzwerks nachvollziehbar,
das soll Fälschungssicherheit garantieren. Die Identität
der handelnden Personen bleibt verborgen, alles ist anonym
und verschlüsselt.
Inzwischen haben wir eine Liste von Waffen vor uns, die
man wie bei Amazon via one-click-buy kaufen kann. Eine
Glock 19-9mm, „new and unused“. Der Preis dafür:
1,289 Bitcoins. Die Kugeln gibt es auch dazu: 100x9mm um
0,129 Bitcoins. Wer sich für diese Transaktion interessiert,
muss sich mit einem Nickname samt Passwort registrieren.
Davon sehen wir ab, wollen wissen, was es sonst noch gibt.
Auch ein Hacker bietet seine Dienste an. E-Mail-Hacking
wird in der Kategorie Small Job um 0,410 Bitcoins angeboten.
Will man eine Person ruinieren, indem man ihren Ruf schädigt,
ist das ein Large Job, er kostet 1,047 Bitcoins. Die Garantie,
die wir bekommen: „I'll do anything for money. If
you want me to destroy someone's business or a person's
life, I'll do it!“
Ob es sich dabei um eine von einer Behörde gesteuerte
Seite handelt oder ob die Dienstleistung wirklich buchbar
ist, überprüfen wir nicht und beschließen,
in eine andere Sphäre des Netzes einzutauchen, die
der konventionellen Daten und Informationen. Ganz einfach
ist es jedoch nicht, diese auch zu finden. Nachdem das
Deep Web auch unveröffentlichte Forschungsergebnisse
beinhaltet, bieten einige deutsche Universitäten seit
Kurzem eigene Rechercheseminare an, um derartige Erkenntnisse
auch zu nutzen.
Wir begeben uns daher auf die Suche nach einer Bibliothek.
Relativ einfach gelangt man über den Browser zur Adresse
am4wuhz3zifex5u.onion, eine übersichtlich gestaltete
Bibliothek. Diese eröffnet uns eine neue Perspektive
des Web. Man entdeckt unterschiedliche Publikationen zu
diversen Themenstellungen. Geheimberichte, verbotene Literatur
und Forschungsergebnisse umfasst das Angebot. In diesem
Fall zögern wir nicht und beschließen, einen
Test zu machen. Die Entscheidung fällt auf die FBI-Akte
von John F. Kennedy, welche wir problemlos im pdf.-Format
downloaden können.
Nicht nur Kriminalität. Das Deep Web birgt weitaus
mehr in sich und es wäre die falsche Schlussfolgerung,
das Netz nur mit Kriminalität zu verbinden. Es bietet
unzählige Informationen in speziellen Foren und Dokumenten,
unsichtbare Websites wie Datenbanken großer Bibliotheken,
Websites, die durch Passwörter geschützt sind,
große Mengen des Inhalts sozialer Netzwerke. Onlinebanking,
App-Stores oder Formate, die verhindern, dass sie von Suchmaschinen
gefunden werden. Das alles zählt zum Deep Web.
Das Internet ist ein Ozean, voller fetter Fische und giftiger
Tiere. Wie bei einem Eisberg ragt das visible Net über
der Wasseroberfläche hervor, der größere,
interessantere Teil liegt allerdings unter der Oberfläche.
Dieser unglaublich riesige Datenspeicher ist zugleich Ort
einer neu zu entdeckenden Privatheit.
Elisabeth Hödl und Martin Zechner sind Gründer
und Partner von Watchdogs – The Data Company (www.watchdogs.at).
Das Unternehmen ist auf Datenrecherche sowie Datenanalyse
spezialisiert und Kooperationspartner der „Presse“. |