Zwei Dinge stören mich daran.
Erstens die Hysterie. In den beiden oben geschilderten
Szenarien steckt der gleiche Denkfehler wie in den Zukunftsbildern
mit atomgetriebenen Flugautos aus den 50er Jahren – man
sieht eine Entwicklung und verlängert sie in die
Zukunft. Das ist so, als würde ich im Auto auf den
Tacho schauen und sagen: Verdammt, jetzt haben wir schon
in sieben Sekunden von null auf fünfzig beschleunigt,
wenn das so weitergeht, werden wir demnächst die
Schallmauer durchbrechen. Und dabei hinkt der Vergleich
sogar noch, denn im Auto passieren wenige Überraschungen,
im Leben aber viele.
Zweitens: Alle reden von anderen, aber niemand redet
von sich selbst. Dabei ist es meist die richtige Strategie,
von sich auf andere zu schließen, wenn man herausfinden
will, wie Menschen funktionieren. Diese Lücke würde
ich gern schließen und ein wenig von mir selber
reden. Hier mein Lebenslauf als Kulturkonsument und -produzent:
Bis zu meinem zwanzigsten Geburtstag kaufte ich wenige
CDs und las viele Bücher, die meisten davon aus öffentlichen
Bibliotheken. Die Jahre zwischen 20 und 24 verbrachte
ich mit Jobs am Filmset sowie der Arbeit an einem Musikprojekt,
das nie an die Öffentlichkeit gelangte. Ich hatte
diverse Gedichte von Michael Ende vertont, öffentliche
Aufführungen waren aber wegen der Textrechte schwierig,
und als die eine oder andere Plattenfirma sich interessierte,
wurde es kompliziert und verlief im Sande.
Dann ging ich zur Filmhochschule und arbeitete nebenher
für eine Musikvideofirma. Die großen Labels
schickten uns Songs, meist von Bands oder „Projekten“,
von denen man noch nie gehört hatte und auch nie
wieder hören sollte. Die Konzepteschreiberei war
natürlich unbezahlt. Von den ein- oder zweihundert
Ideen, die ich aufschrieb, wurden nur zwei verfilmt,
was ich aufgrund meiner eigenen Position als Newcomer
nicht allein machen durfte, sondern in „Co-Regie“ mit
einer erfahrenen Kraft, was bedeutete, dass ich danebenstand,
während jemand anders die Ansagen machte. Auf die
Musikindustrie war ich in dieser Zeit nicht so gut zu
sprechen und kaufte kaum Musik. Unsere WG hatte aber
seit 2001 Internet per ISDN, darüber lud ich im
Schneckentempo allerhand herunter. Das meiste war nicht
so interessant, einiges haute mich um und führte
zu CD-Erwerb und Konzertbesuch.
2006 lernte ich ein Mädchen kennen, das nur Musik
im Kopf hatte. Auf einmal war meine Welt voller Bands,
die kein Schwein kannte und die wundervolle Musik machten.
Es gab Blogs, auf denen man jede neue Platte herunterladen
konnte. Dass man sie sich bei Gefallen auch kaufte, war
eh klar. Mein Musikkonsum schnellte in die Höhe,
ich lud herunter, kaufte Platten, ging auf Konzerte.
Im selben Zeitraum arbeitete ich am Drehbuch für
meinen zweiten Langfilm. Den ersten hatte ich mit sehr
wenig Geld an der Hochschule gemacht, er wurde später
für einen fünfstelligen Betrag ans Fernsehen
verkauft. Das Geld ging an die Hochschule und an die
Koproduktionsfirma, bei den Schauspielern und dem Team
landete nichts. Beim zweiten Film hatte ich einen besseren
Deal erwischt und wurde erstmals im Leben nennenswert
bezahlt.
Seitdem lebe ich vom Filmemachen. Reich bin ich dadurch
bisher nicht geworden, aber das war auch nie das Ziel.
Dafür macht die Arbeit Freude – nur das allgegenwärtige
Copyright nervt fürchterlich. Ständig muss
man für Filme virtuelle Zeitungen, Zigaretten- und
Biermarken erfinden, Klingeltöne sind vermintes
Gelände, jedes Bild an der Wand ist ein Problem,
man darf nicht mal „Happy Birthday“ singen
lassen. Die Alltagswelt, in der wir leben und von der
wir ja im Film erzählen wollen, besteht immer mehr
aus urheberrechtlich geschützten Dingen.
Was lernen wir daraus?
1. Hätte Michael Ende seine Gedichte unter einer
Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, mit einem
jener im Netz populären Verträge also, mit
denen ein Urheber der Öffentlichkeit Nutzungsrechte
einräumen kann, dann hätten wir unsere Lieder
damals überall aufführen können. Wir hätten
uns eine gewisse Bekanntheit erarbeitet, ein Album gemacht
und dafür die Rechte geklärt. Niemandem wäre
etwas weggenommen worden, die Welt wäre um eine
CD reicher.
2. Wenn ich meine Konsumentenbiografie anschaue, dann
habe ich über die Jahre einiges für kulturelle
Produkte ausgegeben, aber keine Unsummen. Wohnung, Essen
und Kleinkram waren teurer. Selbst mein Freund Ralph,
der etwa vier Tonnen Schallplatten in seiner Wohnung
hortet, zahlt vermutlich immer noch mehr für die
Krankenkasse als für Vinyl.
3. Das System der großen Labels und ihrer gecasteten
Horrorgestaltenbands soll meinetwegen zur Hölle
fahren. MTViva sind schon dort, die großen Labels
sind für mein Gefühl auch immer egaler geworden.
Mittlerweile scheint ihnen aber selbst aufgefallen zu
sein, dass man auch mit Substanz Platten verkaufen kann.
4. Das Geld, wenn überhaupt welches fließt,
landet zum größten Teil nicht beim Künstler,
sondern bei anderen Leuten.
5. Der Schlüssel zum Habenwollen ist schlicht und
ergreifend: Liebe. Wenn mich etwas wirklich berührt,
dann berührt es eine andere Abteilung in mir als
die Finanzverwaltung. Und diese Liebe kann ansteckend
sein. Sie führt zu Mundpropaganda, das ist die natürliche
Art, das Publikum zur Kunst zu bringen. Die unnatürliche
Art nennt sich Marketing.
Um zum Anfang zurückzukommen: Ich behaupte, dass
die meisten Menschen nicht grundlegend anders funktionieren
als ich. Wenn wir etwas lieben, wollen wir es haben – oder
noch besser: daran teilhaben. Indem wir ins Kino gehen
oder ein Konzert besuchen oder ein Buch überallhin
mitschleppen. Der Rest ist Hintergrundrauschen, läuft
im Radio, steht im Regal, liegt auf irgendeiner Festplatte
herum. Mag sein, dass die Musikverkäufe durch Downloads
nachgelassen haben. Ich habe kein Patentrezept für
eine bessere Welt. Ich kann nur feststellen: Wenn ich
etwas liebe, ist der Rest zweitrangig. Auch ein Download
kann ein Liebesbeweis sein. Es gibt nämlich zwei
Sorten von illegalen Kopien. Die Liebeskopie, die oft
später in einen Kaufakt mündet, und die Mir-doch-egal-Kopie,
die zu Datenleichen auf der Festplatte führt. Erstere
kann ein wirtschaftlicher Schaden für den Künstler
sein, kann sich auf lange Sicht aber auch lohnen. Letztere
ist kein Schaden, denn der Kopist hätte das Werk
ja so oder so nicht gekauft.
Die Argumentation, man würde bei jeglichem Schaffen
ohnehin in erheblichem Maß auf den Schatz an öffentlichen
Schöpfungen zurückgreifen (das steht so im
Piraten-Programm), ist dennoch tolldreister Quatsch.
Natürlich muss ich einige Lieder hören, bevor
ich selbst eins schreibe, aber worauf basiert „Yesterday“?
Ich würde sagen: auf einem Einfall. Ein solcher
ist immer ein irrationales, irgendwie gnädiges Ereignis,
deswegen heißt er ja Einfall. Dafür muss man
nicht gleich auf sein Recht als Urheber pochen, dafür
kann man sich ruhig erst mal in Demut vor dem Universum
verneigen. Trotzdem ist ein Einfall kein Remix. Davor
und danach liegt immer noch etwas namens Arbeit.
An all die Leute, die sich momentan so erbittert kloppen,
hiermit der Hinweis: Nichts wird so heiß gegessen,
wie es gekocht wird. Filesharing ist mittlerweile eine
riskante Sportart, Kino.to und Megaupload sind tot, andere
werden folgen. Die digitale Revolution wird nicht passieren,
die Industrie wird weiter gut verdienen, wir werden uns
weiter schlecht bezahlt durchwursteln, und ab und zu
wird einer von uns einen Hit landen. Und wenn ich mir
meine Lebenserfahrung angucke, stelle ich fest, dass
ich mit vielen Leuten, Firmen und Instanzen zu tun hatte – und
von allen hat nur die große Musikindustrie Verhaltensweisen
an den Tag gelegt, wie ich sie eher von einem betrunkenen
Dreijährigen erwarten würde.
Ich habe also den leisen Verdacht, dass es für
Kunst und Kultur gut sein könnte, wenn die Dinge
sich ein wenig in die Richtung verschieben, wie sie von
den Netzaktivisten gefordert wird: kürzere Fristen,
mehr Freiheiten. Dabei geht es nicht um die unrealistischen
Maximalforderungen, die man in die Debatte hinaustrompetet,
sondern um kleine, vorsichtige Schritte. Dann könnte
vielleicht in meinem nächsten Film auch ein Nokia-Handy
mit dem Nokia-Ton klingeln.
Dietrich Brüggemann, 36, lebt als Regisseur in
Berlin. 2010 entstand der Kinofilm „Renn, wenn
du kannst“, 2012 folgte „Drei Zimmer, Küche,
Bad“. Nebenher dreht Brüggemann Musikvideos,
etwa für Thees Uhlmann und Kettcar. Eine längere
Version des Textes steht unter www.d-trick.de.